Trude Simonsohn

»Wenn man als Kind diese Sicherheit bekommen hat, dass man ein geliebtes Kind ist, bedeutet das einen Kräftezuwachs, der, wenn man die Chance zu überleben hat, sehr wichtig ist. Das ist meine Überzeugung.«
»Eine Ausnahme...«

Trude Simonsohn wurde am 25. März 1921 als Trude Gutmann in Olomouc (Olmütz) in der damaligen Tschechoslowakei geboren. Sie wuchs in einem jüdischen Elternhaus auf, in dem die jüdischen Feiertage gefeiert wurden, das ansonsten jedoch sehr liberal geprägt war. Denn für ihren Vater, der überzeugter Zionist war, stellte das Judentum mehr eine nationale Identität als eine Religion dar. In diesem familiären Kontext wurde sie zweisprachig erzogen und ging später auch auf ein deutschsprachiges Gymnasium.

Als der Antisemitismus nach dem Einmarsch der Deutschen jedoch auch in der Tschechoslowakei immer mehr grassierte, verließ sie die Schule, um sich ganz der zionistischen Jugendarbeit zu widmen, die aber bald von den Deutschen verboten wurde. Kurz darauf, am 1.September 1939, wurde ihr Vater, Maximilian Gutmann, verhaftet und im KZ Buchenwald interniert. Später wurde er in Dachau ermordet. 

Im Sommer 1942 fuhr Trude Simonsohn aufs Land, um mit ihrer Gruppe des Makkabi Hatzair landwirtschaftliche Arbeit zu leisten und sich auf ein Leben in einem Kibbuz in Palästina vorzubereiten. In dieser Zeit verübten aus England eingeschleuste tschechische Fallschirmspringer ein tödliches Attentat auf Reinhard Heydrich, den stellvertretenden Reichsprotektor von Böhmen und Mähren. 

Dies hatte eine Verhaftungswelle zur Folge, der auch Trude Simonsohn zum Opfer fiel, obwohl sie eigentlich wenig später gemeinsam mit ihrer Mutter nach Theresienstadt deportiert werden sollte. Als sie nach 6 Wochen Haft erfuhr, dass ihr Hochverrat und illegale kommunistische Tätigkeit vorgeworfen wurden, stellte sie gegenüber der Gestapo klar, dass sie keine kommunistische, sondern illegale zionistische Tätigkeit ausgeübt hatte. 

Es folgten mehrere Monate Haft und Einzelhaft und erst mit Hilfe des damaligen deutschen Polizeipräsidenten von Olmütz wurde sie nach Theresienstadt verlegt, wo sie ihre Mutter und Mitglieder ihrer Gruppe vom Makkabi Hatzair wieder traf. In Theresienstadt lernte sie auch ihren späteren Mann Berthold Simonsohn kennen. Sie heirateten noch vor der Deportation nach ­Auschwitz. Trude Simonsohn beschreibt, dass diese Zeit in Theresienstadt nach der Hölle der Einzelhaft und vor der Hölle von ­Auschwitz trotz des Hungers und der Krankheiten das Beste war, was ihr in der Zeit der Verfolgung passiert ist.

Trude Simonsohns Mutter, Theodora Appel, wurde noch vor ihrer Tochter von Theresienstadt nach ­Auschwitz deportiert und dort ermordet. Trude Simonsohn selbst kam im Oktober 1944 gemeinsam mit ihrem Mann auf einen Transport. Sie hatte sich freiwillig zum gleichen Transport gemeldet, mit dem Berthold Simonsohn abtransportiert wurde, weil sie sich sicher war, sonst ohnehin im nächsten Transport zu sein und dachte, dass sie ihrem Mann so irgendwie würde helfen können. In ­­Auschwitz angekommen, verabredeten die beiden, dass sie sich, sollten sie überleben, in Theresienstadt wieder treffen würden. Denn Berthold Simonsohn kam aus Deutschland und sie aus der Tschechoslowakei, sie hatten sich in Theresienstadt kennen gelernt und noch keinen anderen gemeinsamen Ort. 

Nach ­Auschwitz, wo Trude Simonsohn für eine kurze Zeit war, folgten weitere Stationen und einige Monate in der Illegalität. Kurz vor Kriegsende wurde Trude Simonsohn gemeinsam mit anderen Frauen, mit denen sie sich als nichtjüdische Tschechinnen tarnte, erneut verhaftet und im KZ Merzdorf interniert. Dort wurde sie am 9. Mai 1945 durch die Rote Armee befreit.

Der erste Ort, an den sie nach der Befreiung fuhr, war Olmütz. In ihrer Autobiografie beschreibt sie, wie hier alle Erlebnisse der Verfolgung, der Verlust ihrer Eltern und die Angst um ihren Mann über ihr zusammenstürzten. Zu ihrem Glück erfuhr sie hier jedoch auch, dass ihr Mann überlebt hatte. Sie trafen sich tatsächlich in Theresienstadt wieder, waren glücklich und zur selben Zeit durch die Verfolgung gezeichnet. Ihr Mann sagte damals zu ihr: »Wir müssen darüber sprechen, sonst werden wir nie damit zurecht kommen.« Das war sehr wichtig, berichtet Trude Simonsohn heute. »Dass wir darüber sprechen konnten, war unsere Rettung«, schreibt sie in ihren Memoiren. 

In Theresienstadt arbeiteten sie gemeinsam an der Auflösung des Lagers mit und gingen im Anschluss in die Schweiz, wo sie für die jüdische Flüchtlingshilfe arbeiteten. Dort betreute Trude Simonsohn auch Kinder und Jugendliche, die den Holocaust überlebt hatten, deren Eltern jedoch ermordet worden waren. Trude und Berthold Simonsohn zogen 1950 nach Hamburg, wo sie Irmgard Heydorn und ihren Mann kennenlernten und im Juni 1951 ihr Sohn Mischa geboren wurde. Berthold Simonsohn begann sich in dieser Zeit als Jurist für die Zahlung von Entschädigungen an die Opfer des Nationalsozialismus einzusetzen und wurde vom neu gegründeten Zentralrat der Juden in Deutschland mit dem Aufbau der Zentralwohlfahrtsstelle betraut. 1955 folgte der Umzug nach Frankfurt, wo Trude Simonsohn als Jugendschöffin und ihr Mann als Professor für Sozialpädagogik und Jugendrecht arbeitete. 

Von 1989 bis 2001 war Trude Simonsohn Gemeinderatsvorsitzende der Jüdischen Gemeinde Frankfurt und arbeitete auch mit Ignatz Bubis zusammen. In Frankfurt begann sie ab den 70er-Jahren als Zeitzeugin zu sprechen, wenig später auch gemeinsam mit Irmgard Heydorn. Sie sagt, dass sie es als Pflicht empfindet, »wenn ich es kann, für die zu sprechen, die nicht mehr sprechen können.« Das tut sie bis heute.